warum wir alles klein schreiben

otl aicher, gestaltung als moralische haltung. großschreibung macht ein wort monumental. wir schreiben klein, weil uns die tätigkeit wichtiger ist als das ding.

substantive = stillstand

dinge, zustände, fertige begriffe. für aicher sprachliche verfestigungen, eine tendenz zur abstraktion und erstarrung. großbuchstaben heben das wort hervor, machen es „monumental": sprache wird statisch, autoritär, abgeschlossen.

verben = bewegung

  • handeln
  • denken
  • verändern
  • arbeiten

prozesse statt zustände, dynamisch, offen, aktiv. und im deutschen klein geschrieben. für aicher war das kein zufall, sondern ein symbol.

groß ist das ding.
klein ist die tätigkeit.

otl aicher wollte diese hierarchie auflösen3

seine kritik an der „substantivkultur"

geprägt vom denken der hochschule für gestaltung ulm und einem funktionalistischen weltbild, misstraute aicher den ideologien, den abstrakten begriffssystemen, den großen, abgeschlossenen wahrheiten. die kleinschreibung war für ihn ein versuch, sprache stärker auf handlung und prozess auszurichten.1

  • handeln statt behaupten.
  • tun statt benennen.
  • prozess statt dogma.

politischer hintergrund

man darf seinen biografischen kontext nicht unterschätzen: aicher war mit mitgliedern der widerstandsgruppe weiße rose verbunden. nach dem nationalsozialismus hatte er ein tiefes misstrauen gegenüber großen begriffen, nationalen pathosformeln, „wahrheiten" in majuskeln.2

großschreibung konnte für ihn symbolisch genau das transportieren.

quellen

  1. die substantiv-gegen-verb-these ist otl aichers eigene begründung der kleinschreibung, nicht bloß bauhaus-tradition (die argumentierte ökonomisch). otl aicher, „gehen in der wüste" (s. fischer, 1982), kapitel „rückkehr zu den verben". quelle ↗
  2. aicher war über seinen schulfreund werner scholl mit dem kreis der weißen rose verbunden und heiratete 1952 inge scholl, die schwester von hans und sophie. selbst gehörte er der gruppe aber nicht an. idz, otlaicher.de. quelle ↗
  3. sinngemäß nach otl aicher, kein wörtliches zitat, sondern eine verdichtung seines arguments aus „gehen in der wüste" (1982). quelle ↗

klein gedacht, groß gewirkt.

klingt nach einer haltung, die zu ihrem projekt passt? dann reden wir.